Experimentale 2010

Eröffnung: Freitag, 03.09.2010 ab 19 Uhr mit der Performance: “See(h)-Stück” von Regina M.Bußmann, in der eine experimentelle Fotocollage entstehen wird.

Laufzeit: 03.09. – 26.09.2010

Öffnungszeiten: Di – Fr von 15 – 18 Uhr

Sonderöffnungszeiten zu den special days der IPK: Sa – So, 25.,26.09.2010 von 15 – 18 Uhr

Zum Wochenende der IPK finden experimentelle Photosessions statt, in denen das Publikum an Kameraexperimenten beteiligt wird. Sie beschäftigen sich mit Menschenbildern, bildproduzierenden fotochemischen Versuchen und der Visualisierung von Musik in Foto-und Videoarbeiten.

Ausstellungsort: Hochbunker, Körnerstr.101, 50823 Köln-Ehrenfeld, Tel.: 0163 – 699 6811

Beteiligt sind Künstler der 68elf und Gäste:
Jo Albert, Frankfurt/M. – Thomas Bachler, Dresden – Michael Baerens, Köln – Walter Bruno Brix, Köln – Regina M. Bußmann, Köln – agii gosse, Köln – Jürgen Gromoll, Neuss – Franz John, Berlin – Ruth Knecht, Asch – Dirk Knickhoff, Kleve – Rosemarie Koenig, Köln – Mathias Lyssy, Frankfurt/M. – MulitMediaGuerrilla, Köln/Emden – Dominique Müller, Kevelaer – Uschi Müller, Straelen -  Dr. Ingo B.Reize, Köln – Jochen Seelhammer, Köln – Ronny Silver, Köln – Ulrike Scholder, Kleve – Etienne Szabo, Köln – Thomas Zika, Essen.

Die Experimentale findet statt im Rahmen der internationalen Photoszene 2010.

Idee: Michael Baerens
Realisierung/Katalog: agii gosse
Recherche: Anne Kotzan

    
 Frau Merula kommt auf die Experimentale. Hat sie jedenfalls vor, ob sie es schafft....

Was kann die Fotografie nicht leisten?

Was die Fotografie leisten kann, wissen wir ja. Sie verstopft die Welt mit Bildern. Sie bildet nahezu alles Sichtbare zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos ab. Wenn sie ein gutes Konzept zum Hintergrund hat, erzeugt sie Sichtbarkeit von Unsichtbarem im Sinne von Klee, der sagte: “Kunst macht sichtbar”, sie wird selber Kunst.

Kann die Fotografie wirklich etwas nicht leisten? Was entsteht nicht beim Fotografieren? Der Wahrheitsanspruch, der früher mit der Fotografie einherging, der ist nicht mehr haltbar, der ist nicht mehr wichtig für uns. Weil alles inzwischen manipulierbar ist, Programme wie Photoshop leisten das bis hinein in den Photojournalismus, wo störende Bildelemente vor der Übermittlung an die Nachrichtenagenturen kurzerhand eliminiert werden. Die Bilderzeugung hat viel früher Verlässliches verloren.

Die Menge der Bilder, die auf uns einstürzt und die Idee, dass eine Reise, ein besuchter Ort, erst dann wirklich wird, wenn wir sie auf den Bildern reflektierend wiedersehen, ist es das, was die Fotografie leisten kann? Und was für manche Menschen als cool gilt, nämlich bei facebook eine große Menge an ‘Freunden’ zu haben und dort witzige Fotos einzustellen. Ist das echt?

Was bedeutet die Fotografie dann für die Kunst? Warum machen wir Bilder mit dem Fotoapparat?  Was braucht ein guter Fotograf?

Bei allem Fortschritt in der technischen Entwicklung der Fotografie  bleibt der Grund, der Umtrieb für den Künstler, der mit der Kamera arbeitet, der Gleiche. Es ist die Obsession zum Bildermachen – Bilder schaffen. Bilder suchen, die noch keiner gefunden hat. Spielend und experimentierend Methoden und Wege zu finden oder erfinden, die zu solchen Bildern führen. Sich damit auseinander zu setzen, was man an Apparat für seine Bilder selber wirklich braucht oder nicht braucht, um das Eigene zu machen.

Unsere Ausstellung ist der Versuch, Künstler zusammenzufinden, die auf solchen Wegen mit dem Medium Fotografie ihre Bilder erjagen.

In den nächsten drei Absätzen soll versucht werden, die ausstellenden Künstler in Gruppen gefasst zu besprechen. Natürlich gibt es Überschneidungen und manche der Arbeiten sollten eigentlich in allen drei Themenbereichen auftauchen. Es geht jedoch vor allem darum, einen Überblick zu schaffen und eine gewisse Ordnung, ohne die ja im Leben nichts geht.

Der menschliche Körper als Agitator im Bild

Hier gibt es Positionen wie Jo Albert, der den Menschen in seiner Körperlichkeit mit Aspekten wie Verletzlichkeit und Sexualität in einem Wald erscheinen lässt, der allerdings nur als gemalte Kulisse, unterstützt von Zimmerpflanzen, existiert. Ähnlichkeiten finden sich in der Arbeit von agii gosse, die einen nackten Mann wiedergibt, der in einem großen Schwarzweiß-Foto starke Präsenz zeigt. Das Foto, im Ursprung analog, wurde durch wiederholtes Fotokopieren zu einer fast abstrakten Arbeit.

Ronny Silver schlägt Salti und fotografiert sich dabei. Multi Media Guerilla zeigt in einem Video Frauen, die in absurder Weise springen und dabei Unverständliches von sich geben. Diese Absurdität spiegelt sich in der Arbeit von Walter B. Brix, in der er sich selbst als eine Figur namens ‘Frau Merula’ inszeniert und dabei auf das Rollenverständnis alter Frauen in unserer Gesellschaft anspielt. Regina Bußmann fotografiert die Reflexionen der Handykamera in einer Glaskugel, die in ihrem Schoß liegt.

Ein Gegenbild dazu entwirft Dominique Müller, der mit Photoshop eine Armee marschierender, schreiender, gleich aussehender Frauen auf uns zulaufen lässt und in einem bis an die Grenze des Möglichen verlangsamten Video den Betrachter zur Ruhe zwingt.

Die Natur und ihre Kräfte, auch im Sinne von Zersetzung und Zerstörung

Franz John betrachtet den Himmel, bzw. er lässt ihn betrachten und zwar von einem Scanner, in 24 Stunden jede Stunde ausgelöst. Die entstandenen Bilder scheinen abstrakt und erzählen von der Größe unserer Welt. Er überlässt in diesem Prozess die Bildgestaltung dem Himmel und dem Scanner. Michael Baerens dagegen zeichnet mit den Sternen, d. h. er benutzt in Langzeitbelichtungen das Licht der Sterne um zu zeichnen.

Ebenfalls die Natur als Teil des künstlerischen Prozesses begreift Dirk Knickhoff, indem er eine riesige Eisenplatte mit einem Foto bedruckt und diese dann in einem öffentlichen Park den Unbillen der Natur aussetzt. So auch Thomas Zika, der alte Diapositive, die von Bakterien zerfressen sind, als große Abzüge zeigt. Die kraftvoll zerstörerische Kraft des Feuers nutzt Etienne Szabo, indem er Fotos von römischen Büsten regelrecht flambiert.

Ruth Knecht dokumentiert die vier Jahreszeiten, die in ihrem Garten über eine Gruppe von kleinen Pappkästchen hinwegziehen. Die Fotos wiederum präsentiert sie in genau diesen Kästchen.

Die Materialien und technischen Möglichkeiten der Fotografie im weitesten Sinne

Eine rudimentäre Form der Fotografie setzt Thomas Bachler ein, nämlich eine Camera Obscura, mit der er Fotos des Übergangs von Drinnen und Draußen macht. Jürgen Gromoll seziert den Vorgang des Fotografieren und projiziert Bilder an eine Wand. Mathias Lyssy verarbeitete Bilder aus den Nachrichten, indem er täglich um acht und um zwanzig Uhr die Kamera auslöst. Bei diesen Polaroid-Aufnahmen greift er in den Entwicklungsprozess ein, dabei entstehen malerische Bilder. Lapidare Kommentare des Schriftstellers Theo Koeppen vervollständigen als Wortbild die Arbeiten. Jochen Seelhammer zeigt uns in Großformaten triviale Alltagsgegenstände und Verpackungsmaterial auf eine Art und Weise, dass diese zu künstlerischer Schönheit erhoben werden

Dr. Ingo Botho Reize erzeugt in seinen Bildern durch einen sehr aufwendigen Arbeitsprozess eine ungeheure Tiefenschärfe. Uschi Müller benutzt Photoshop um aus ihren auf unzähligen Reisen gemachten Fotografien neue Bilder zu erstellen, die eine absurde, surreale Welt zeigen.

Rosemarie Koenig dreht Videos mit einer Handkamera in der einen und einer schwingenden Lichterkette in der anderen Hand, die als Formen von Oszillationswellen aufgezeichnet werden, welche beim Abspielen von Stockhausens ‘Aus den 7 Tagen’ entstehen.

Ulrike E.W. Scholder zeigt eine Installation von Leuchtkästen am Boden, die mit ihren stromzuführende Schnüren in der Art einer Nabelschnur verbunden sind.

Wir haben als alternativer Kunstverein in der Kölner Szene eine Ausstellung zusammengestellt, die mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen zu realisieren war. Und an diese grundsätzlichen, vorangestellten Fragen rührt.

Michael Baerens