Der Schleier der Venus/Lucretia

2008

transparenter Wollstoff (Mousselin), Faden aus Papier (Japan), Baumwoll- und Leinengarn, auf doppelten Keilrahmen

genäht

Die Serie bildet ein Pendant zu den Lendentüchern Christi. Steht dort ein Textil am männlichen Körper im Mittelpunkt, ist es hier der weibliche Körper, der mit einem Textil gezeigt wird.

Die Gemälde, im Original von Vater und Sohn Cranach (Lucas Cranach der Ältere, 1472–1553; Lucas Cranach der Jünger,1515–1586) zeigen sehr junge Frauen, fast noch Mädchen. In der Zeit von Cranach wurde der Mensch ganz anders gesehen und die Zeit der Kindheit und Jugend ist unserer heutigen Anschauung in keinster Weise vergleichbar.

Cranach hat viele Venus-Bilder und auch einige Lucretias gemalt. Ziemlich oft mit dem gleichen Modell. Die junge Frau in den Bildern ist sehr verführerisch dargestellt. Kein Wunder, Venus ist die Göttin der Liebe! Das Modell und der Maler haben Positionen gefunden, in denen die Unschuld und Unberührtheit eines Mädchens und die Verlockungen einer Frau zu einem provokanten Ausdruck verschmelzen.

Dient bei den ‚männlichen‘ Lendentüchern das Textil dazu, die Scham zu verbergen, ist es hier im Gegensatz dazu Teil der Verlockung. Venus hält es auffordernd vor den Körper oder klemmt es kokett unter dem Arm fest, wie Lucretia, die auch noch ihren Dolch halten muss.

Eine Besonderheit ist die Darstellung der Lucretia. Sie war eine römische junge Frau des 6. Jh. v. Chr., berühmt für ihre Schönheit und noch mehr für ihre Tugendhaftigkeit. Nach einer Vergewaltigung tötete sie sich selbst vor den Augen ihres Vaters und ihres Ehemannes.