ringer

2008

baumwolle, seide, wachs, genäht, appliziert/cotton, silk, wax, sewn, appliqued

jeweils/each 160 x 140 cm

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Bei diesen Bilder und bei ‚hold it‘ und ‚points‘ werde ich oft gefragt, was die Punkte denn sollen.

Mit den Punkten habe ich begonnen als eine Antwort auf die ostasiatische Kunst, in der die Zentralperspektive keine Rolle spielt. In den Bildern aus Japan und China werden die Dinge, Menschen und Landschaften ohne Rücksicht auf ihre Dreidimensionalität dargestellt. Also einfach flach, denkt man jetzt, aber das stimmt nicht. Die Darstellung ist immer auf eine Weise angeordnet, dass sich trotzdem ein Raum ergibt.

Bei den Arbeiten von mir sitzen Punkte über oder unter einer gestickten Zeichnung. Meist nur auf den Linien der Zeichnung und überstickt, also damit festgehalten. Die Punkte führen eine zweite Ebene ein. Die Zeichnung vermittelt einen Körper oder ein Gesicht, wie bei den ‚points‘ und die Punkte darüber irritieren die Wahrnehmung dieser Zeichnung. Sie lenken ab, von der Zeichnung. Die zweite Ebene hat mit der ersten nichts zu tun, vermittelt aber eine Art Tiefe, eine Räumlichkeit. Sie stört die räumliche Wahrnehmung der ersten Ebene, gleichzeitig fragt man sich, sind die Punkte vor oder hinter der Zeichung, also wo im Raum.

Vielleicht gehören sie doch dazu? Manche erinnert es an Sternbilder oder sind es Bälle, die durch das Bild hüpfen? Die Stoffe, die hier verwendet sind, habe in ihrem Muster und durch ihre Herkunft auch noch eine weitere Ebene. Bei den Ringern ist es ein historischer, japanischer Seidenstoff (nishiki). Ein wertvolles Gewebe, von dem vermutlich nur noch dieses Stück existierte. Die Seite hat ein eingewebtes Muster von stilisierten Kranichen und blühendem japanischem Enzian (rindo).

Japanische Seiden dieser Art wurden verwendet für buddhistische Gewänder und für das Ritual der Tee-Zubereitung (chanoyu). Eine zeremonielle Welt, voller Regeln und erfüllt mit Schönheit. Auf den ersten Blick ein Gegensatz zu den Ringern, aber auf den zweiten Blick stellt man fest, dass die Ringer eine ebensolche Welt der Regeln und der Schönheit kreieren und in ihr agieren.

Außerdem stellen die Punkte ein Zitat der Arbeiten von Yayoi Kusama dar. Sie gilt als bedeutendste japanische Künstlerin der Nachkriegszeit. In ihren Arbeiten dominieren Polka-Dots, also mehr oder minder regelmäßig verteilte Punkte, die eigentlich ein Textilmuster sind.

„Ich sah auf das rote Muster der Tischdecke, als ich aufblickte, bedeckte dasselbe rote Muster die Decke, die Fenster und die Wände, und schließlich den ganzen Raum, meinen Körper und das Universum. Ich begann mich selbst aufzulösen, und fand mich in der Unbegrenztheit von nicht endender Zeit und in der Absolutheit der Fläche wieder. Ich reduzierte mich auf ein absolutes Nichts.“

Yayoi Kusama

(Mehr zu Yayoi Kusama bei wikipedia)

Für mich ist diese Bedeutung der Punkte für Kusama, ihre Bedrohlichkeit durch die Auflösung des Ichs, sehr spannend. Punkte sind mir als Textilmuster vertraut, seit meiner Kindheit, allerdings empfinde ich sie nicht als bedrohlich, sondern als weiblich. In der Zeit, in den 60er und 70er Jahren waren Kleider (Hemden, Hosen, Anzüge) mit Punkten von Männern getragen ein Provokation und auch heute noch ist es kein selbstverständliches Muster für männliche Kleidung. Auch gerade das macht die Punkte für mich interessant. Sind Punkte, ein Muster bzw. ein Motiv, das eine Geschlechtlichkeit in sich trägt?