À propros Handarbeit

Burkhard Rosskothen 09.01.2008

Der Künstler Walter Bruno Brix
#6 - 56 x 62 cm

#6 – 56 x 62 cm

Walter Bruno Brix – HANDARBEIT – HAND WORK, Stickerei auf Baumwolle, 2007

Gibt es flüchtigere Momente, als die auf der Autobahn Radio zu
hören? Das Dahinrauschen und die Töne des Radios schaffen oft einen
Zustand von Halbaufmerksamkeit, bei dem ich manchmal garnicht mehr
weiß, was ich da gehört und gesehen habe. Und dennoch tauchen von Mal
zu Mal Themen auf, denen ich plötzlich zuhöre, als hätte jemand den Ton
erst jetzt aufgedreht.

So auch letzte Woche auf der A66: Ein Mann erzählte von seiner
Leidenschaft zu stricken. Die Moderatorin – eine Frau – fragte
natürlich, ob das nicht ungewöhnlich für einen Mann sei, woraufhinn
dieser antwortete: “Es ist vergleichbar mit Frauen die Motorrad fahren
würden”. Welch ein Vergleich! Da das amazonenhafte Bild einer Frau in
Lederbekleidung, die kraftvoll das schwere Motorrad führt, hier der
Mann, der still da sitzt und lediglich das leise Klappern der
Stricknadeln den Raum fühlt.

Wie das Bild zum Text erschien mir heute ein Photo auf dem Blog von
Kulturtussi, wo der Künstler Walter Bruno Brix zu sehen ist: mit Nadel
und Fadel (die Schreibweise sei mir erlaubt)! Und hier oute ich mich
jetzt: Ich habe eine Schwäche für alte Handarbeiten. Seien es
Porzelanarbeiten der jungen Maria Hamprecht oder die zarten Kissen aus
Beton von Cony Theis. Die Gleichzeitigkeit der traditionnellen, oftmals
mit Heim und Herd verwurzelten Vorstellungen aus alter Zeit, gefüllt
mit dem Denken von Menschen von heute ergibt eine interessante
Mischung. Und das ist es Wert auf das Gespräch von Kulturtussi mit
Walter Brix hinzuweisen. Es ist ein anderer Blick auf die
Vergangenheit, auf die Tradition, als z. B. bei Künstlern wie Jonathan
Meese. Der eine schreit, der andere stickt. Für Joseph Beuys waren
Traditionen vor allem wertvolle Weisheitstraditionen, aus denen er
geschöpft hat. Oftmals wird ja jungen Künstlern vorgeworfen, zuwenig
Rückbesinnung oder Suche nach wahren Werten zu betreiben. Fragt man bei
den Akademien, so scheint dort die Arbeit am eigenen Concon im
Vordergrund zu stehen, die Beschäftigung mit der Kunstgeschichte aber
ist nicht unbedingt beliebt. Wie so oft hängt es an der Person. Auch in
meiner Studienzeit haben wir uns an den beliebten Professoren
orientiert. Das waren dann interessante Persönlichkeiten. Und die sind
auch in den Akademien zu finden. Professoren, die ihre Zeit zur
Verfügung stellen, daß angehende Künstler lernen kooperativ zu arbeiten
und gemeinsam Erfahrungen zu sammeln. Und da kommt man um einen
Rundumblick nicht drum herum. Und lernt dann vielleicht auch sticken.