Interview mit Anke von Heyl

8. Januar 2008, Porträt:

Walter Bruno Brix

Das neue Jahr beginnt mit jeder Menge guter Vorsätze. So auch diesem, eine neue Kategorie in der Kulturtussi zu etablieren, die dazu dienen soll, interessante Menschen aus dem Kulturbereich näher kennen zu lernen. Den Anfang mache ich mit einem Besuch im Atelier des Kölner Künstlers Walter Bruno Brix, den ich von gemeinsamen Projekten im Museum noch gut kenne und mit dem zu sprechen es immer eine große Freude ist. Das Atelier ist noch nicht lange bezogen und ein wirklich spannender Ort, in dem es so manche Überraschung gibt. Besonders angetan habe es mir die ausgestopften Tiere, die vom vorherigen Besitzer geerbt wurden. Man darf gespannt sein, ob die einem in einer der nächsten Ausstellungen wieder begegnen. Im folgenden Interview erfährt man mehr über den Künstler.

Was mich als erstes interessiert, ist die Frage, woher Du kommst. Wir kennen uns ja vom Museumsdienst und ich weiß, dass Du viel mit asiatischen Textilien gearbeitet hast. Ich sehe hier im Atelier viele unterschiedliche Dinge, auch die Auseinandersetzung mit der europäischen Kunstgeschichte. Ich möchte gerne wissen, wie Dein Werdegang im Einzelnen bislang war.

W.B.: Es ist schon richtig, dass viele meine Sachen mit Japan zu tun haben. Ich habe in Japan Weberei und Färberei studiert. 1992/1993 war ich an der Kaiserlichen Manufaktur – Kawashima – und habe dort Weberei und Färberei, alle möglichen Techniken, Design und alles was die dort angeboten haben studiert. Praxis und Theorie. Das war sehr gut. Vorher hatte ich eine handwerkliche Ausbildung, also ich bin Raumausstatter, habe aber ganz früh schon als junger Mensch angefangen, mich mit Kunst zu beschäftigen, also so mit 13 – 14 und hatte mit 18 die erste Ausstellung. Da habe ich schon Kimono gemacht. Also ich habe sehr früh angefangen, mich mit japanischen Textilien zu beschäftigen. Es ist allerdings so, dass es sehr schwierig ist, den Kimono hierzulande zu vermitteln. Es ist sehr schwer, die Hintergründe und Zusammenhänge japanischer Textilkunst in Europa zu vermitteln. Man muss zu viel erklären und irgendwann hatte ich das über. Ich habe dann überlegt, ob ich komplett aufhöre oder mich noch einmal anders orientiere mit dem, was ich bislang gelernt hatte. Und eine Sache, die für mich wichtig ist, sind die gestickten Zeichnungen. Ich mache meine Zeichnungen mit Bleistift und die Stickerei manifestiert die Zeichnung. Das kommt eben aus Japan. Das kommt aber auch aus mir, aus meiner eigenen Entwicklung. Ich habe schon als Kind mit Sticken angefangen und ich habe es immer mal wieder benutzt, auch in den Kimonos. Aber es war nie der Hauptpunkt und jetzt ist es eben der Hauptpunkt. Und die Möglichkeiten hier in meinem neuen Atelier bieten, dass man jetzt auch größere Formate arbeiten kann. Die Kimonos waren ja immer faltbar. Das sind die Bilder jetzt nicht.

Wir haben da ja schon mal drüber gesprochen: als Textilkünstler willst Du dich nicht sehen, oder?

W.B.: Also, mir ist schon bewusst, dass mein Material Textil ist. Warum ich mich nicht gerade begeistert zeige bei dem Wort Textilkünstler ist, womit es besetzt ist. Da denkt man ja an Seidenmalerei und Hobbykünstler und das ist etwas, wo ich mich natürlich nicht einordnen möchte. Aber das ist eigentlich der einzige Grund, warum ich mich gegen diese Bezeichnung wehren möchte.

Du bist ja auch nicht nur mit dem Faden unterwegs. Du beschäftigst Dich intensiv mit der Tuschmalerei. Du zeigst doch auch viele Ansätze der klassischen Malerei.

W.B.: Also, die Tuschmalerei ist schon ganz wichtig für mich. Auch die Kombination von Tuschmalerei und Stickerei. Beides durchdringt den Stoff. Auch die Farbe durchdringt ja den Stoff. Ölmalerei oder Acrylmalerei bedeutet mir eigentlich wenig. Ich arbeite mit Tusche. Und ich finde den graphischen Strich, die Linie, die ich ziehe so viel spannender. Ich kann sie lang ziehen und muss sie nicht erst aus einzelnen Strichen aufbauen, wie bei der Ölmalerei. Außerdem reizt mich die Kontrolle, die ich über den Strich haben kann. Auch bei der Stickerei. Gleichzeitig ist es auch interessant für mich, das zu lösen, also die Freiheit bei der Entstehung eines Striches zu sehen.

Das scheint mir aber ja genau das zu sein, was sich durch Dein Werk zieht, die Beschäftigung mit der Linie. Auch bei ganz unterschiedlichen Themen. Einerseits sehe ich hier die ganz aktuellen Bilder von modernen Märtyrerinnen, wie z.B. die Benazir Bhutto, die Du Dir mittels der Linien im wahrsten Sinne des Wortes festhalten willst, andererseits habe ich bei Dir ganz irritierende kleine Zeichnungen entdeckt, die wie aus einem Pissoir abgenommen wirken, wie von Kinderhand mit fast pornographischen Darstellungen. Da geht es auch um eine einzige Linie mit der abstrahiert wird.

W.B.: Ja, für mich ist eigentlich der Inhalt nicht so wichtig. Für mich ist es interessanter zu sehen, wie die Linie zu einem Inhalt werden kann. Dass man dann etwas erkennen kann, wenn man weiter weg geht. Der Verlauf der Linie interessiert mich jedoch am allermeisten. Es gibt auch abstrakte Arbeiten, wo es nur um die Linie geht. Manche Arbeiten sind jedoch auch etwas unernst gemeint, Du spielst jetzt auf die Taschentücher an. Die mag ich auch total gerne. Die sehen aus wie niedliche kleine Kinderzeichnungen und wenn man genauer hinsieht, dann denkt man: o Gott. Es gibt zum Beispiel auch Arbeiten von mir, wo ich Männer im Augenblick des Orgasmus darstelle. Das ist erst Mal ein Liniengewirr und dann entzifferst Du das und fragst Dich dann, kann man so was darstellen? Eine Provokation mit ästhetischen Mitteln, das ist etwas, was mich interessiert.

In Deiner Galerie habe ich gesehen, dass Du dich ja nicht nur mit männlicher Sexualität beschäftigst. Dort waren so kleine ausgestopfte Objekte, die aussehen, wie eine Vulva. Du hast mir mal erzählt, dass Du Dir erst Schritt für Schritt erarbeitet hast, Dich auch mit dem Thema der Sexualität auseinander zu setzen. Also ist Dir der Inhalt schon auch wichtig.

W.B.: Also, es ist schon so, dass es für mich wichtig ist, womit ich mich beschäftige. Es ist nicht so, dass ich die Themen aus einer Kiste ziehe. Sondern ich nehme die Dinge, die mich umgeben. Also jetzt zum Beispiel gibt es die Serie von Bildern zu Lucas Cranach – von beiden Cranachs übrigens – die Venus und die Lucrezia. Das sind Darstellungen von einer sehr jungen schönen Frau. Gertenschlank und weiß und weich. Da ist noch kein Zeichen von Verfall zu sehen. Und die sind einfach erotisch anzusehen. So sind die auch gedacht. Auch das Material was ich verwende. Die Wolle, eine ziemlich wollweiße Wolle und ein Faden aus Papier, ein japanischer Faden der fast wie Samt wirkt. Das ist aus meiner Sicht auch etwas, was dem Gefühl dieser Frauen entspricht. Oder die kleinen Skulpturen, die ich gemacht habe. Ich habe früher eine Serie gemacht, ein männliches Geschlechtsorgan und das in Variationen gestickt, weil es eben sehr irritierend ist, das so rauszunehmen und zu sticken und dann ist mir aufgefallen, dass es beim Stoff auch die Möglichkeit gibt, etwas dreidimensional zu machen und habe dann eben Vulven gepolstert. Das habe ich ja mal gelernt (lacht)! Das kann ich sozusagen. Das hat mich einfach eine Weile lang begeistert. Ich habe bestimmt zwanzig Stück gemacht. Als Rahmen habe ich kleine Sardinendöschen genommen. Weil es eben auch eine Provokation ist. Es soll schon die Leute auch ein bisschen pieken. Ich hoffe, dass es niemandem auf die Füße tritt, aber ein bisschen pieken darf es ruhig.

Also, die Provokation! Es ist ja auch eine gewisse Gefahr, sich in die ästhetischen Gefilde zu verlieren, vor allem, wenn man so auf die besonderen Materialien achtet. Aber Du verfolgst zum Beispiel auch einen durchaus politischen Anspruch. Sehr gut haben mir da auch deine Anzüge gefallen, die Du zu Karl Marx gemacht hast. Also, auch noch einmal ein ganz neues Thema, mit dem Du dich auseinandersetzt.

W.B.: Also, dass ist schon bewusst. Zu Karl Marx habe ich anlässlich einer Themenausstellung gearbeitet. Mehrwert hieß die. Ich habe überlegt, was kann ich machen und da ist mir dieses Buch in die Hände gefallen über den Mehrwert von Karl Marx. Ich wollte jetzt nicht irgendwelche Passagen daraus sticken, was man ja auch hätte machen können, sondern ich bin hergegangen und habe das Buch in einzelne Seiten geteilt und habe aus den Seiten Buchstaben ausgeschnitten. Mit diesen gewonnen Buchstaben habe ich dann Sprüche auf Anzüge und Kostüme gestickt. Die Kostüme und Anzüge, die ich ausgewählt habe, die sind aus Polyester. Die sehen so ein bisschen so aus, als wenn sie aus der Sowjetunion kommen würden. Aber sie haben trotzdem so eine komische Art von Ästhetik. Also ich finde die passend – adäquat.

Das was Deine Materialien oft mitbringen, ist ja ihre eigene Geschichte. Deswegen guckst Du nach Stoffen, die schon eine gewisse Patina haben. Letztens hast Du mir doch noch die Geschichte eines Stoffes erzählt, was war das noch Mal, der kam aus irgendeinem Schloss?

W.B.: Ah, ja stimmt. Das war aus dem Schloss Sanssouci, da werden die Polster von den Stühlen abgezogen. Das wird alle paar Jahre mal gemacht, da die Touristen da wohl alles anfassen. Ich habe dann einen Teil einer Seitenlehne bekommen und habe da die Hände der Mona Lisa darauf gestickt. Ich mag halt Stoffe, die von sich aus schon eine Botschaft mit sich bringen. Die für mich schon einen gewissen Wert haben, zum Beispiel alte Bücher. Deswegen verwende ich auch fast nie Leinwand. Leinwand ist für mich zu geschlossen und zu sehr nur noch weißer Bildträger. Das ist mir zu wenig. Ich will etwas haben, das mich anspricht und auf das ich antworten kann.

Und mit dem Du weiterarbeiten kannst. Du hast die Bücher erwähnt, wo Du Objekte schaffst, indem Du die ursprüngliche Form der Bücher auflöst, sie mit Tuschmalerei überarbeitest und in einer fast Zen-buddhistischen Art auf dem Boden auslegst. Überhaupt diese Art, etwas neu zusammen zu stellen, neu zu präsentieren oder auch einen anderen Blick zu lenken auf die Dinge, ist etwas, was Deine Arbeiten generell ausmacht. Zum Beispiel auch bei den Cranach Bildern. Da lenkt die Linie, die Du stickst die Aufmerksamkeit des Betrachters auf bestimmte Details.

W.B.: Ja, es ist schon eine neuere Richtung in meinem Arbeiten. Ich beschäftige mich jetzt intensiver mit der westlichen Kunstgeschichte. Ich fand es plötzlich spannend, mich näher mit Cranach zu beschäftigen und zu sehen, wie er im Grunde nur eine einzige Frau darstellt in all seinen Bildern. Also für mich war es spannend zu sehen, dass Cranach im Grunde diese junge Frau – sie muss so um die 16 bis 18 Jahre alt sein – so hin baut, dass wir in ihr die Venus oder die Lucrezia sehen. Der Ursprung der Serie ist in diesem Fall aber auch das Tuch. Ich habe vorher eine Serie gemacht mit den Lendentüchern Christi. Ich habe mir zwölf berühmte Gemälde gesucht und habe da die Lendentücher heraus gestickt – also den Körper schon mit vom Bauchnabel bis zu den Knien – aber halt berühmte Lendentücher sozusagen. Da ist dann ein Cranach dabei, ein Rogier van der Weyden, Bosch. Das sind alles große Namen der westlichen Kunstgeschichte. Für mich war der Anhaltspunkt das Textil auf den Bildern. Ich meine, es ist schon interessant. Das ist die christliche Religion und da hängen die einen jungen Mann ans Kreuz, das finde ich ja alles faszinierend. Aber für mich als textiler Mensch ist es eben spannend, das Textil herauszunehmen und quasi vergleichend nebeneinander zu stellen.

Und dann wollte ich eigentlich ein Pendant dazu schaffen und hab mir überlegt, was hat man da für Frauen. Man nagelt keine Frauen ans Kreuz, jedenfalls ist das in der christlichen Religion nicht üblich, und bin dann wieder auf die Venus und die Lucrezia von dem Cranach gestoßen. Die ein sehr dünnes Tuch halten und das auch sehr elegant halten. Und die Bilder zeigen eigentlich immer nur den Ausschnitt des Tuches. Genau dieser Ausschnitt wird gezeigt, in welchem das Tuch stattfindet, wo sie es hält oder wehen lässt. Und was an Körper noch da zu sehen ist, wird eben mit dargestellt. Und dann habe ich natürlich festgestellt, dass es eine Person ist, die dort dargestellt wird und dann hat die auch einen anderen Standpunkt eingenommen.

Vielleicht zum Schluss noch das, an dem Du gerade arbeitest. Es liegt hier vor uns auf dem Tisch, ein graues Stück Tuch, auf dem Du mit einem gelben Farben stickst.

W.B.: Das sind Porträts von blinden Menschen. Das geht auf ein privates Erlebnis zurück, dass ich gehabt habe. Wir kommen vom Einkaufen nach Hause und vor unserer Tür steht jemand, der nicht zur Seite geht. Wir waren etwas sauer und haben ihn so weggedrängt. Manchmal stehen auch Penner bei uns auf der Straße und so. Dann merkten wir, dass dieser Mensch blind ist und ich habe mich dann natürlich entschuldigt. Und das hat mich sehr berührt. Der hatte uns nicht kommen sehen. Ich hab mich dann gefragt, wie es wohl sein muss blind zu sein und habe mich mit dem Thema beschäftigt. Ich habe mir Bilder von blinden Menschen aus dem Internet gesucht und die mit dem Computer weiterbearbeitet. Und sticke die jetzt nach und zwar so, dass sich ein feines Relief bildet und zwar ist das hier der Faden und darauf sticke ich so kleine Knötchen und im Prinzip könnte man das Bild auch ertasten.

Danke Walter, für den Einblick in Dein Denken und Arbeiten. Mir hat es sehr gefallen, hier bei Dir im Atelier zu Besuch zu sein, das alles hier zu sehen, die netten kleinen Stillleben, die Geschichten erzählen. Besonders gefallen hat mir natürlich die von Dir zufällig auf der Straße gefundene Karte: 2008 wird mein Jahr. In diesem Sinne wünsche ich Dir alles Gute.

Anke von Heyl