Das Hermännische

armenius varus

Hermännisch

Hermann am Rhein

2009 – 2000 Jahre Varus-Schlacht und Jahr von Herrmann, Arminius, dem Cherusker.  Rechtsrheinischer Ausstellungsetat: 17 Millionen.

Wir wollen eine linksrheinische Ausstellung machen.  Thema: das Hermännische.

Was sind Idole und ihre Geschichte? Wie geht man damit um? Ist der Dom hermännisch? Gaza-Krieg? Sonst noch aktuelles? Weiblich hermännisches, gibt es das auch? Wenn in einem Bild Gelb das Grau besiegt, ist das auch hermännisch?

Wir suchen Künstlerbeiträge, die intelligent, sensibel, originell, eigen, kritisch sich mit dem „Hermännischen“ auseinandersetzen, aktuell wie historisch. Fantasie ist gefragt, Humor ebenso. Gute Kunst wollen wir.

Der Ansatz kann die schillernde historische Hermannfigur sein, die Verbildlichung im Denkmal, aber auch Phänomene oder Themen, die in einem weiten Sinn übertragend das Phänomen des“Hermännischen“ eigenständig definieren, interpretieren und bearbeiten und aus der Gegenwart stammen.

Die mediale Seite möchten wir nicht festlegen: Malerei, Skulptur, Video, Fotografie, Performance, auch Dichtung und Poesie sind machbar, also alles, was KünstlerIn braucht, um das Thema für sich zu greifen.

Einladung front Einladung back

Eröffnung: 03. Oktober 2009, 19 Uhr,  im Mediapark, Gebäude 4b, 1. Etage

68elf  ist ein freier Kölner Kunstverein mit 20 jähriger Vergangenheit. .Wir haben keinen Etat, der dem oben angespielten lippischen auch nur annähernd gleichkäme. Unsere Ausstellungsräume befinden sich im Mediapark in Köln. Wir finden es spannend, Hermann auf die linksrheinische römische Seite zu bringen, speziell nach Köln, denn Hermann ist für Kölner eigentlich kein Thema. Der Verein bemüht sich um gute und engagierte Kunst und beschäftigt sich in spartenübergreifenden Projekten traditionell auch mit kritischen Themen.

e-mail: 68elf-forum@web.de

Presse online zur Ausstellung

Das Hermännische

Eine deutsche Kulturgeschichte

Dipl. Psychologin M. Wübbold
Buldern, den 26.03.2009

Die Kombination der Worte „Deutsch“ und „Nationalismus“ ruft bei vielen Zeitgenossen ein eher mulmiges Gefühl hervor. Sie denken dabei unwillkürlich an die unrühmliche jüngere Vergangenheit des III. Deutschen Reichs. Die meisten sehen sich selbst weniger als Deutsche, sondern treffender als Rheinländer, Schwaben, Sachsen, Bayern usw. charakterisiert. Und die Frage danach, wie lange es Deutschland überhaupt schon gibt, können selbst historisch einigermaßen Allgemeingebildete oft nicht beantworten.
Der deutsche Nationalismus war nämlich von Beginn an problematisch. Er entwickelte sich nicht, wie beispielsweise der unserer französischen Nachbarn, aus einem historisch gewachsenen Nationalgefühl des Volkes, sondern war von Anfang an von der Obrigkeit verordnet. 1871 schlossen sich immerhin 25 bis dahin mehr oder minder eigenständige Länder zu dem zusammen, was zunächst das II. Deutsche Reich und später die Bundesrepublik Deutschland werden sollte. Heute existieren viele der ehemaligen Kleinstaaten als Bundesländer weiter.
Das I. Deutsche Reich war übrigens ursprünglich römisch. Der fromme Frankenkaiser Karl der Große stellte sein Reich um 800 nicht zuletzt aus Angst vor der biblisch prophezeiten Apokalypse und dem Erscheinen des Antichrist in die Nachfolge des Römischen Imperiums. Unter den Ottonen wurde es zum Heiligen Römischen Reich, das erst im 15. Jahrhundert den Zusatz „Deutscher Nation“ erhielt. Das „Alte Reich“ bestand nominell bis 1806 und war zuletzt eher ein Staatenbund von souveränen großen und kleinen Königreichen, Fürstentümern und Hansestädten, die nach seinem Zusammenbruch bis in unsere Tag hinein mal mit-, mal gegeneinander Krieg führten oder verbündet waren.
Für die Deutsche Einheit ab 1871 brauchte man sowohl nach innen wie nach außen anschauliche und geschichtsträchtige Symbole. Die fand das Neue Kaiserreich in Form mehrerer Nationaldenkmäler, zu denen neben der Walhalla und der Siegessäule in Berlin, dem Niederwalddenkmal bei Rüdesheim am Rhein, dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, dem Barbarossadenkmal auf dem Kyffhäuserberg auch das Hermannsdenkmal bei Detmold im Teutoburger Wald gehörte. Sie sollten die Größe und Überlegenheit eines Germanentums vermitteln, das es so nie gegeben hat.
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Gerade der „Hermann“ zeigt sehr deutlich, wie die deutsche Nationalgeschichte dafür weit abseits historischer Gegebenheiten passend gemacht wurde. Denn einen Cheruskerfürsten namens Hermann, der sich als urgermanische Lichtgestalt ebenso unvermittelt wie siegreich aus den teutonischen Wäldern erhob, um in der Varus-Schlacht das Römische Reich niederzuzwingen, hat es nie gegeben.
Die historische Person, die das Monument verkörpern soll, ist der Geschichtsschreibung vielmehr als römischer Bürger und Offizier Arminius bekannt, der in der Zeit um Christi Geburt im römischen Heer diente. Er war im römisch besetzten Germanien ein Vertrauter eben jenes Statthalters Publius Quinctilius Varus, den er kurz darauf wohl hauptsächlich aufgrund seines umfangreichen Insiderwissens besiegen konnte. So vertraut, dass Varus Warnungen vor dem Verrat des Arminius in den Wind geschlagen haben soll. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus stellt Arminius denn auch sowohl als Befreier Germaniens wie als listenreichen Intriganten dar. Und der Name Hermann soll auf Martin Luthers Kreise zurückgehen, wo Arminius als „Dux belli“, als „Heer-Mann“ gerühmt wurde. Doch hier streiten die Historiker.
Und auch bezüglich des Ortes, wo die Varus-Schlacht geschlagen wurde, gab es hunderte von Theorien, die sich vermutlich nur darüber einig waren, dass sie auf gar keinen Fall da stattfand, wo der steinerne Gigant heute sein überdimensionales Schwert gen Himmel streckt.

Doch – was kümmert die Schöpfer nationaler Mythen die historische Korrektheit, gerade wo die im Vorgeschichtlichen versinkt? Das Symbol wirkte und das in seiner immer weiteren heroischen Verbrämung nicht zu knapp. „Herr“ und „Mann“, Held und Einer der germanischen Stämme, Bezwinger der antiken Weltmacht Rom, „getauft“ von Martin Luther und auch noch Zeitgenosse von Jesus Christus! Dem Menschensohn aus dem Geschlechte Davids gelang die Befreiung seines Volkes von den Römern nicht. Doch der Germane triumphierte. Das ist der Stoff, aus dem national-romantische Träume sind. Selbst Hollywood hätte ihn nicht besser erfinden können. Und so haben deutsche Auswanderer ihren „Herman the German“ auch schon 1897 in New-Ulm Minnesota/USA aufgestellt. „Hermann“ soll als Vorlage für den Siegfried in der Nibelungen-Sage gedient haben, es gab diverse Theaterstücke, schließlich Filme, die sich mit ihm beschäftigten, historische Diskurse noch und nöcher und er diente immer wieder als nationalistische Gesinnungsstütze.

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Was haben Kunst und Kultur heute in einer solchen Funktion anzubieten? Kann es Nationalsymbole in Deutschland nach all den Ungeheuerlichkeiten, die unter ihnen passiert sind, nach zwei Weltkriegen und all den Verdrehungen von Geschichte überhaupt geben? Oder müssen Kunst und Kultur den gelegentlich denn doch aufflackernden Nationalstolz der Deutschen dem Sport überlassen? Auch der „Hermann“ trug ja 1999 bereits ein Fußballtrikot, das ihn schließlich ins Guinnessbuch der Rekorde brachte. Sind Helden und Heldinnen mit einer Geschichte, die sich in Stein meißeln lässt, in unserer virtuellen Medienwelt, die täglich neue Tageshelden und Antihelden hervorbringt, überhaupt noch gefragt? Die Punkband „The Stranglers“ gab darauf schon 1977 die Antwort: „No more heroes, anymore!“

Die in der 68elf  forum junger Kunst e.V. anlässlich des 2000-jährigen Gedenkens der Varus-Schlacht geplante Ausstellung wird diesen Fragen nachgehen und voraussichtlich Hermanns Trikot wie viele andere heutige Antwortmöglichkeiten zeigen und diskutieren.