It’s Raining Men!

Ausstellungsraum Jürgen Bahr, Helmholtzstraße 6-8, 50825 Köln

Eröffnung: Freitag, 3. Feb. 17-23 Uhr und

Samstag, 4. Feb. 2012 15- 20 Uhr

geöffnet donnerstags 15-20 Uhr und jederzeit nach Vereinbarung

Finissage: Samstag, 25. Feb. 15-20 Uhr

Der verheißungsvolle Titel der Serie „pornstars“ von Walter Bruno Brix verspricht etwas, das der erste Blick nicht erfassen kann. Mit „pornstars“ können wohl kaum die weißen Wesen gemeint sein, die sich kontrastreich vom mattschwarzen Fond des Bildgrundes abheben und bei genauerer Betrachtung als kopulierende Insekten entpuppen. Hat sich das Augen allerdings an den Regen von Fäden gewöhnt, der gleichsam von der Bildfläche herabströmt, so nimmt es, wie in einem Vexierbild, immer stärker die sich sowohl hinter diesen Fadenvorhängen wie auch den Tieren verbergenden, nackten Männer wahr. Positionswechsel des Betrachters helfen ebenso wie das Anpusten der Fäden, die verborgenen Fadenzeichnungen zu erkennen: Junge, nackte, athletische Männer, die sich in ihren Posen selbstbewusst und vielleicht ein wenig provokant präsentieren aber gleichzeitig hinter einem Vorhang verstecken.

Serie „pornstars“ 2007/8
Fadenzeichnung und pochoir auf Polyestertaft (150 x 150 cm)
 

Eine seltsame Mischung, die dem Betrachter entgegentritt, männliche Porno-Darsteller und Insekten beim Geschlechtsakt. Ein Hinweis auf das Männern oftmals unterstellte tierische-triebhafte ihrer Sexualität, besonders, da es sich um Porno-Darsteller handelt? Insekten wird allgemein keine größere Emotionalität bei der Ausübung der Fortpflanzung unterstellt – eine Parallele zu den Profis der schwulen Pornobranche, deren Beruf sicherlich eher harte Arbeit als pures Vergnügen sein dürfte? Und das Ergebnis dieser Anstrengungen wird vom Konsumenten eher im Stillen und Abgeschiedenen betrachtet. Pornographie ist, vor allem durch das Internet wie nie zuvor überall und unkompliziert „erhältlich“, nach wie vor nicht gesellschaftsfähig, selbst wenn einige ihrer – vornehmlich weiblichen – Protagonisten bekannte Werbefiguren geworden sind.
Die Serie thematisiert nicht nur die männliche Erotik oder den Reiz des Verborgenen oder Verbotenen, sie erinnert auch daran, dass Homosexualität eine natürliche Variante der Sexualität ist und nicht nur unter den Menschen sondern auch in vielen tierischen Gesellschaften beobachtet worden ist.

Die Arbeit „joyful memory“ besteht aus Bundeswehrtaschentüchern, die mit einem männlichen Namen in goldenen Frakturbuchstaben bedruckt sind und eigenartige Flecken aufweisen. Der Titel „joyful memory“ lässt erahnen, dass die Flecken Relikte vergangener, vielleicht einsamer aber durchaus lustvoller Momente sind, und manche der zu lesenden Namen erinnern in der Tat an bekannte „pornstars“.
Gleichzeitig greift die Arbeit ein extremes Tabu auf, nämlich das der Sexualität in Männerbünden, wie sie beispielsweise Armeen darstellen. Wie leben Männer im sexuell aktivsten Alter, kaserniert, mit wenig Intimsphäre und vor dem Hintergrund geächteter homosexueller Kontakte, ihre Sexulalität aus?

     

„Brad“ „Johan“ und „Stephan“ aus der Serie „joyful memory“ 2009
Goldfarbe und Sperma auf Bundeswehrtaschentüchern (ca. 50 x 50 cm)
 

Die dritte ausgestellte Arbeit, „Ölringer“,  umfasst eine Serie von Bildern türkischer Ölringer, Graphit-Zeichnungen mit Tusche und gestickten Details (die Bindebänder der ölgetränkten Hosen).

 

„kirkpinar 1 – 5“ aus der Serie „Ölringer“ 2009
Tusche und Graphit auf Stoff, Hosenkordeln jeweils gestickt (76 x 60 cm)
 

Die traditionellen Wettkämpfe türkischer Ölringer sind in den letzten Jahren zunehmend Ziele schwuler Bustouren westeuropäischer und amerikanischer Veranstalter geworden – sehr zum Ärgernis traditionell-konservativer Kreise. Auf türkischer Seite verbat man sich die Umdeutung einer Tradition in eine sexuell (und dann auch noch homosexuell!) stimulierende Party. Ein wunderbares Beispiel, wie ein und dieselbe Sache ganz unterschiedlich betrachtet werden kann und wie Erotik unterschwellig transportiert werden kann.

Jürgen Alexander Wurst