Archiv der Kategorie: fashion or not

textile Enzyklopädie

Die textile Enzyklopädie sammelt Textilien, um ihre Bedeutung zu klären. Einerseits ihre Bedeutung als Textil, aber auch darüber hinaus gehende, bzw. tiefer liegende Schichten von Deutungen. Viele Stücke sind Kleidung aber auch Gebrauchstextilien finden Aufnahme.

In den meisten Fällen sind die Textilien schon etwas älter und nicht mehr Teil unseres Alltags. Aber sie erscheinen uns vertraut und dies vermittelt uns Gefühle und Vorstellungen.

Die Enzyklopädie gibt dem Betrachter die Möglichkeit die eigenen Vorstellungen zu verschiedensten Themen zu analysieren und Vergleiche anzustellen, welche spontanen Gedanken zu den Stücken auftauchen.Zu jedem Eintrag können Kommentare abgegeben werden, Direkt auf der Seite. Aber auch durch Textilien kann jeder dazu beitragen. Wollen Sie ihr Stück hier finden, dann nehmen Sie Kontakt auf mit dem Initiator Walter Bruno Brix.

Zugänglich ist die textile Enzyklopädie auf verschiedene Weise.

Ständig präsent ist die Sammlung hier im Netz

Als Sammlung existiert sie im Original und wird immer wieder in Museen, Galerien und anderen Orten ausgestellt. Meist sind nur Teile der Sammlung zu sehen, je nach den Möglichkeiten des Ausstellungsortes. Gleichzeitig wird die Sammlung ständig ergänzt. Zu bestimmten Zeiten sollen gedruckte Kataloge die Sammlung dokumentieren.

Innerhalb der Sammlung gibt es keine Hierarchie. Kein Kleidungsstück oder Textil steht in der Bedeutung über oder unter dem Anderen. Es soll keine Wertung geben, deshalb ist die Reihenfolge willkürlich.

Hummel Pelerine

seit/since 2011

Hummelfell, genäht / bumblebee fur, sewn

work in prozess

Im Frühling findet man unter manchen blühenden Bäumen tote Hummeln, die es nicht mehr zurück in den Stock geschafft haben. Auch im Herbst kann man viele tote Hummeln finden.

Zu schade, sie einfach nur da liegen zu lassen. Sie verrotten und das schöne Fell ist verloren. Besser scheint es, sie zu sammeln. Die kleinen Fellchen werden flach ausgebreitet und zu einer Pelerine zusammen genäht.

Vielleicht kann man auch was aus den Flügeln machen. Ein Fenster vielleicht. Ein dunkles, heimeliges Fenster für all zu sonnige Tage.

Im Januar 2014 kam ein Brief von Christian Hein, einem befreundeten Künstler und darin ein Kästchen mit drei Hummeln. Was für ein wunderbarer Neujahrs-Gruß!

——————————————————————————————————-

In spring and in autumn one can find sometimes dead bumblebees underneath certain trees. Found it sad for the small furs to let them rot. They will be sewn together into a pelerine or tippet.

Maybe one could use the wings, too. They are so beatiful. Just for a window for days with to much sunlight……

see you, see me

2011

drawings, ink on white fabric

after portraits in historical paintings

appliqued on used garments

actual size

Haarklammer!!!

work in prozess, started 2010

men’s jacket, whitewashed, with collected bobby pins

Herrenjacke, weiß bemalt, mit gesammelten Haarklammern

Größe/size M

Diese Diashow benötigt JavaScript.

A collection of bobby pins, found on the street, ‚dropped‘ by women.

A surprising number of these black things usually can be found in the streets. Secretly, quietly, they have worked out of the hair, only to fall to the ground.

Their ends are sometimes decorated with paint drops or plastic, so that women do not scratch their skalp if they push it into the hair. Some are corrugated, so they grip better. But even this seems not to prevent them from slipping out.

The sooner they are found, the more beautiful and smooth the bobby pins are. Sometimes a hair clings on it, usually a long because the short ones probably get lost more quickly. If the longer hair clip on, then it loses its gloss. Someone stepped on, get the paint cracks and scratches and the metal begins to rust.

Most of them are black, rare are the ones in dark brass, very rare are the colorful lacquered ones. I found a pink one. Certainly from a girl who might have been sad, when comming home without. A beautiful, wide clip. When I found it, it must have been down for a while, it is scratched and a bit bent.

On the jacket, the bobby pins are collected as found black and elegant jewels.

The bobby pins are symbols of beauty, but also ensure that your long hair is not hanging in your eyes or is doing unwanted things. The bobby pins have an erotic aspect with them, because they come very close to beautiful women.

——————————————————————————–

Eine Sammlung von Haarklammern, auf der Straße gefundene, von Frauen ‚abgeworfene‘ Haarklammern.

Eine erstaunlich Anzahl dieser meist schwarzen Dinger finden sich auf der Straße. Heimlich, still und leise haben sie sich aus der Frisur herausgearbeitet, um dann zu Boden zu fallen.

Ihre Enden sind manchmal mit Lacktropfen oder Kunststoff verziert, damit die Frauen sich nicht die Kophaut aufschürfen, wenn sie sie in die Frisur schieben. Manche Klammern sind gewellt, damit sie besser halten. Das nutzt aber nix, von den gewellten findet man auch genug.

Je früher man sie findet, desto schöner und glatter sind die Haarklammern noch. Manchmal hängt ein Haar dran, meist ein langes, die kurzen gehen wohl schneller verloren. Liegt die Haarklammer schon länger, dann verliert sie ihren Glanz. Jemand tritt darauf, der Lack kriegt Risse und Kratzer und das Metall fängt an zu rosten.

Die meisten sind schwarz, seltener welche in dunklem Messington, ganz selten farbig lackierte. Eine pink-farbene fand ich. Gehörte sicherlich einem Mädchen, das nun traurig ist. Eine schöne, breite Klammer. Als ich sie fand, muss sie schon eine Weile gelegen haben, sie ist verkratzt und auch ein wenig verbogen.

An der Jacke werden die Haarklammern gesammelt wie Trophäen, obwohl sie gar keine sind. Es sind gefundene, schwarze und elegante Juwelen.

Die Haarklammern sind Symbole für Schönheit, aber auch dafür, dass man sich die Haare nicht in die Augen hängen lassen will, also für Ordnung. Sie haben einen erotischen Aspekt, weil sie schönen Frauen ganz nahe kommen dürfen.

protect

2009

velvet jacket, boutons de nacre

Ein Jacke mit einem breiten Streifen um die Mitte aus Perlmuttknöpfen. Diese wirken wie eine Art Schutz, eine Rüstung, die der heutigen Zeit entspricht.

sumo

2008/9

used jacket, silk thread, stitched

plus size

sumo-I . sumo-II

Sumo ist das heute weltweit bekannte japanische Ringen. Die Männer sind Berge von Fleisch mit einer höchst kompliziert gelegten Frisur und tragen Lendentücher aus farbiger Seide. Eine Form der Ästhetik, die unserer wenig entspricht und doch anziehend erscheint.

Spannend sind die Regeln. Verloren hat der Ringer, der mit einem anderen Körperteil als den Fußsohlen den Boden berührt oder der den Boden außerhalb der Strohrings betritt. Praktisch jeder Griff ist erlaubt und die Matchs dauern teilweise erstaunlich kurz. Manchmal eine Sache der ersten Minute, dass einer das Gleichgewicht verliert oder einen Schritt zu weit nach hinten geht.

Im Alltagsleben sind die berühmten Ringer oft mit wunderschönen, extrem zarten Frauen verheiratet, die beispielsweise bekannte Sängerinnen oder sonst im Fernsehen auftreten.

Sumo war im Altertum in Japan eine heilige Angelegenheit. Die Kämpfe wurden zu Ehren und zur Unterhaltung der Shinto-Götter aufgeführt. Auch heute noch ist der Kampfplatz, ein Hügel aus festgeklopftem Lehm mit einem Strohring als Begrenzung, ein heiliger Ort. Interessanterweise würde die Heiligkeit durch die Berührung einer Frau zerstört.

turmspringerhosen

2008

polyester pants, thread, stitched

Größe 48

Turmspringen, eine Sportart, bei der in wenigen Momenten, im Verlauf eines Sprungs, eine meist komplizierte Bewegungsabfolge ausgeführt wird. Ein kunstvoller Flug, nein ein Fall.

Von den Springern geht eine große körperliche Anziehung aus. Ihr Körper ist durchtrainiert und sie sind sehr sparsam bekleidet. Hier kommt also körperliche Schönheit und sportliche Eleganz zusammen.

Ganz verborgen ist die körperliche Schönheit von Männern in Polyesterhosen. Jedenfalls meist. Sie gelten schon kurz nach ihrer populären Zeit in den 70er Jahren als der Inbegriff des Langweiligen und Kleinbürgerlichen. Solche Hosen und dann auch noch in weiß und cremefarben, also nicht unbedingt Farben, die an einem Mann als modisch up to date angesehen wurden, sind der Grund auf den Zeichnungen von Turmspringern gesetzt sind.

Die Zeichnungen sind mit feinen Fäden gestickt, die Hosen jeweils noch in einer Farbe abgesetzt.

Witzig ist hier, die Nutzung des Formats der hängenden Hosen und die Idee, dass die Zeichnungen auch noch lesbar wären, wenn die Hosen getragen, und also die Zeichnungen anders herum hängen würden.

(A. Sinderheim)

Flagelatione – Geißelung

2008

Japanese paper thread, polyester and cotton on polyester tafeta

painted and sewn, stretched on frame

230 x 70 cm

nach Alonso Cano (1601-1667)

nach Guercino (Giovanni Franceso Barbieri) (1591-1666)

nach Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610)

nach Carlo Crivelli (1430/35-vor 1500)

nach Pietro di Galeotto (vor 1450-1483)

nach Pieter Fransz de Grebber (1600-1652/3)

————————————————————————————————————————————

Eine weitere Serie zum Thema Lendentuch. Hier das Lendentuch Christi bei der Geißelung. Die Bilder der Maler zeigen einen jungen Mann, der von anderen gequält wird. Wenn man die Bilder genauer ansieht, sieht man die Inszenierung. Es ist nicht Christus, wie könnte er es sein, denn niemand weiß, wie Jesus ausgesehen hat. Es ist ein junger Mann, der Model stand.

Bekleidet ist er nur mit einem Tuch, das um die Hüften geschlungen ist. Dieses Tuch verhüllt seine Männlichkeit, gleichzeitig betont es diese auch.

Oft ist Jesus in der Geisselungs-Szene auch gefesselt dargestellt. Kann also der Situation nicht entfliehen. Dies ist für das Opfer eine schrecklich Erfahrung. In unserer Gesellschaft hier im Westen gibt es so viel Freiheit, dass es Menschen gibt, die eine solche Situation sexuell stimulierend empfinden.

Der Schleier der Venus/Lucretia

2008

transparenter Wollstoff (Mousselin), Faden aus Papier (Japan), Baumwoll- und Leinengarn, auf doppelten Keilrahmen

genäht

Die Serie bildet ein Pendant zu den Lendentüchern Christi. Steht dort ein Textil am männlichen Körper im Mittelpunkt, ist es hier der weibliche Körper, der mit einem Textil gezeigt wird.

Die Gemälde, im Original von Vater und Sohn Cranach (Lucas Cranach der Ältere, 1472–1553; Lucas Cranach der Jünger,1515–1586) zeigen sehr junge Frauen, fast noch Mädchen. In der Zeit von Cranach wurde der Mensch ganz anders gesehen und die Zeit der Kindheit und Jugend ist unserer heutigen Anschauung in keinster Weise vergleichbar.

Cranach hat viele Venus-Bilder und auch einige Lucretias gemalt. Ziemlich oft mit dem gleichen Modell. Die junge Frau in den Bildern ist sehr verführerisch dargestellt. Kein Wunder, Venus ist die Göttin der Liebe! Das Modell und der Maler haben Positionen gefunden, in denen die Unschuld und Unberührtheit eines Mädchens und die Verlockungen einer Frau zu einem provokanten Ausdruck verschmelzen.

Dient bei den ‚männlichen‘ Lendentüchern das Textil dazu, die Scham zu verbergen, ist es hier im Gegensatz dazu Teil der Verlockung. Venus hält es auffordernd vor den Körper oder klemmt es kokett unter dem Arm fest, wie Lucretia, die auch noch ihren Dolch halten muss.

Eine Besonderheit ist die Darstellung der Lucretia. Sie war eine römische junge Frau des 6. Jh. v. Chr., berühmt für ihre Schönheit und noch mehr für ihre Tugendhaftigkeit. Nach einer Vergewaltigung tötete sie sich selbst vor den Augen ihres Vaters und ihres Ehemannes.

Striped suit

2008

Linen suit with stripes from wool fabric, pins, wooden hanger, suitcase

Leinenanzug mit Streifen aus Wollstoff, Stecknadeln, Holzbügel, Pappkoffer

Size 50, measurements variable

Größe 50, Maße variabel

Beneath the stripes a plain linen summer suit for men size 50 is found. The stripes are ripped from a navy blue woolen fabric used for suits, too. They are held in place by pins.

What does happen to the suit? What do we see in suits with stripes? It is not a summer suit any more and the suicase made of cardboard is no longer evoking the idea of a summer vacation. But still the summer suit is there underneath.

Unter den Streifen steckt ein normaler Sommeranzug aus Leinen, Größe 50. Die Streifen bestehen aus einem dunkelblauen Wollstoff, der ebenfalls für Anzüge benutzt wird. Sie sind mit Stecknadeln auf den Anzug gesteckt.

Was passiert mit dem Anzug? Was sehen wir in dem Anzug mit den Streifen? Es ist plötzlich kein Sommeranzug mehr und der Koffer erinnert nicht mehr an einen Urlaub. Und doch steckt der sommerliche Leinenanzug darunter.

loincloth

2008

waxed cotton, Nepalese handspun hemp thread, sewn

ca. 80 x 52 cm

Diese Diashow benötigt JavaScript.

————————————————————————————-

Jenes Tuch, das berühmteste der Kunstgeschichte, wird zumeist
kaum wahrgenommen, bleibt eine Nebensächlichkeit, obwohl es
– oft im Zentrum der Darstellungen – ein beeindruckendes, meist
ornamentales, Eigenleben führt. Seine Enden flattern spielerisch
im Wind, es ist vielfach verschlungen oder eng anliegend, betont
die Oberschenkel und Körperformen oder verleugnet jeglichen
Anschein von Männlichkeit. Erst sein Fehlen – ein nackter Christus
dann – löst Skandale aus, wie vor einiger Zeit in Würzburg.
Von Walter Bruno Brix aus bekannten Gemälden herausgelöst,
werden die Leintücher fern vom Kontext, von Schmerz und Tod,
zu einem ganz eigenständigen Motiv, auf das unser Blick gelenkt
wird. Manchmal verspielt, zuweilen überraschend erotisch, aber
letztlich immer verhüllend – das Tuch, das Männlichkeit verbirgt
und verleugnet, obwohl Christus ganzer Mensch war. Es wird
zum Instrument der Negierung von Körperlichkeit und Sexualität.
Jürgen Wurst

Gemälde folgender Künstler wurden für die Zeichnungen verwendet:
Raffael da Urbino (1483-1520)
Diego Rodríguez de Silva y Velásques (1599-1660)  
Peter Paul Rubens (1577-1640)
Thomas Cowperthwait Eakins (1844-1916)
Rogier van der Weyden (1399/1400-1464)
Matthias Gothart-Nithart Grünewald (1475/1480-1528)
Fransisco de Zurbarán (1598-1664)
Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606-1669)
Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simoni (1475-1564)
Hieronymus Bosch (1450-1516)
Antonella da Messina (1430-1479)
Sir Anthonis van Dyck (1599-1641)

thai buddhist

2007

Cotton shirt, embroidered with polyester thread

size M

The shirts embroidered with pictures of Buddhist Monks from Thailand are stitched through all layers, so they can not be worn.

Vor Gott sind alle gleich

2007

Installation

graue Kleidung mit applizierten religiösen Abzeichen aus schwarzem Filz

Die religiösen Symbole aus schwarzem Filz sind auf graue Kleidung appliziert. Wie Abzeichen, auf die linke Seite, in Herzhöhe. Die Auswahl der Kleidung ist ohne direkten Bezug zur Religion. Die Bedeutung der einzelnen Symbole wird sichtbar, wenn man den curser auf das jeweilige Fotos führt.

Alle Religionen sind darauf angewiesen, dass ihre Anhänger glauben. An ein oder an mehrere höhere Wesen, an einen alles steuernden Plan. Sie versprechen uns etwas, das sich erst nach unserem Tod erfüllt. Etwas, das uns die Angst vor dem Tod, vor dem Auslöschen unseres Selbst nehmen soll.

Sind nicht alle Religionen Tröster unserer Angst vor dem Tod? Um ein Leben führen zu können, in dem wir uns von unseren Ängsten nicht unterkriegen zu lassen. Wie kann es sein, dass die Menschen an so viele verschiedene Götter und Regeln glauben und sich gegenseitig bekriegen und umbringen, nur um der Überzeugung willen? Stecken nicht überall die gleichen Menschen in den Kleidern und hinter den Abzeichen der Religionen? Und steckt nicht überall die gleiche Angst hinter den Religionen?

Schönheit zählt nicht

2006

rückwärtig vergoldetes Pergament, appliziert

Herrenanzug, Seide

Ein Anzug aus einem wunderschönem, naturfarbenen Seidengewebe. Das Futter ist aus goldgelbem Satin. Der Schnitt des Anzugs lässt ahnen, dass ein recht unförmiger Mann darin Platz gefunden hat.