Archiv der Kategorie: religion and fear

Christi Nägel

Auf den Straßen findet man Nägel, rostige, alte aber auch neuere. Diese Nägel werden gesammelt und als „Christi Nägel“ interpretiert. Eine bewusst provizierende Ummünzung. Dabei geht es weniger um eine Kritik an den Reliquien der Kirche, als darum unsere Wahrnehmung in den Fokus zu nehmen. Welche Bedeutung ein Nagel hat, hängt davon ab, als was wir ihn sehen. Einfach nur als einen alten Nagel, als ein unbedeutendes kleines Metallding, oder als eine überaus wertvolle Berührungsreliquie, als Marterwerkzeug für einen Religionsgründer.

SAM_8343 SAM_8344 SAM_8345

Reliquien

2008-10

different size

mixed media

Was sind Reliquien?

Die Kirche nennt Teile oder ganze Körper von Heiligen Reliquien. Das Wort bedeutet „Überbleibsel“. Für den Gläubigen sind Reliquien die Möglichkeit einem Heiligen, einer Heiligkeit, seiner Religion ganz nahe zu sein, körperlich nahe.

Diese körperliche Seite ist uns heute ziemlich abhanden gekommen. Die Wissenschaft hat gründlich gearbeitet und den meisten ist der Glauben dabei abhanden gekommen oder im Halse stecken geblieben. Wenn man etwas untersucht, dann muss zwangsläufig der Glaube verloren gehen. Das Leben steckt voller Geheimnis, die Lebendigkeit bleibt unfasslich. Ein aufgeschnittener, sezierter Frosch zeigt zwar wie seine inneren Organe funktionieren, aber nicht wieso er lebt. Und was es ausmacht, dass er lebt.

So wurden auch die Reliquien seziert und untersucht, ohne dass man die Heiligkeit finden konnte. Aber ist es nicht so, dass der Glaube zählt, nicht die Nachweisbarkeit der Echtheit.

Die Reliquien hier sind künstlerisch erzeugt. Mit einem zwinkernden Auge werden wir an Geschichten und Figuren aus der Bibel erinnert. Oft sind die Gegenstände mit dem Alltag verknüpft oder verweisen auf die Körperlichkeit der Person.

Amaterasu ômikami / Hisahito shinnô

Amaterasu ômikami

2010/11

after a woodblock print of Hokusai (Konohana Sakuya Hime (protective diety of mountain fuji, first page of the series fugaku hyakkei)

cotton with color, paper thread applique

237 x 152 cm

Amaterasu (jap. 天照), mit vollem Namen Amaterasu-ō-mi-kami (天照大神, dt. Am Himmel scheinende große erlauchte Göttin), ist die wichtigste Kami (Gottheit) des Shintō. Sie personifiziert die Sonne und das Licht und gilt als Begründerin des japanischen Kaiserhauses.

Gemäß dem Kojiki (der ältesten geschichtlichen und mythologischen Chronik Japans) wird Amaterasu durch das linke Auge des Gottes Izanagi geboren, als dieser sich in einem Fluss auf der heutigen Insel Kyūshū von den Befleckungen reinigt, die er sich im Land der Toten zugezogen hat. Gemeinsam mit ihrem Bruder Susanoo no Mikoto ist Amaterasu dazu ausersehen, die Herrschaft des Himmels (Takamanohara) von ihrem Vater Izanagi zu übernehmen.

(text from wikipedia in English here)

Susanoo benimmt sich jedoch wie ein ungezogenes Kind und begeht eine Reihe von bösen Taten und Tabuverletzungen. Sein schlimmstes Vergehen: er wirft ein totes Pferd in die Heilige Webhalle, wo Amaterasu gerade am Webstuhl arbeitet, und verletzt eine ihrer Dienerinnen, die an der Verletzung stirbt. Amaterasu ist darüber so bestürzt, dass sie sich in eine Höhle einsperrt. Das hat zur Folge, dass die Welt in Finsternis geschlagen wird. Die restlichen Götter versuchen, sie wieder aus der Höhle zu locken, und lassen zu diesem Zweck die Göttin Ama no Uzume vor der Höhle einen ziemlich obszönen, komischen Tanz aufführen. Neugierig ob des folgenden Lachens und Lärmens schiebt Amaterasu den Stein, der die Höhle verschließt, zur Seite und erblickt ihr eigenes Spiegelbild, denn die anderen Götter haben auch einen Spiegel (Yata no kagami) bereitgestellt.

Über den weiteren Verlauf berichten die Quellen Unterschiedliches: Eine Version erzählt, dass der Spiegel durch die Schönheit Amaterasus zu leuchten beginnt und damit auch die Welt wieder hell wird. Eine andere berichtet, dass die Sonnengöttin ihr Spiegelbild nicht sofort erkennt und dieses bekämpfen will. Dazu muss sie aus der Höhle herauskommen und als sie das tut, versperren ihr die anderen Götter den Rückweg.

Nachdem Susanoos Nachkommen die Herrschaft auf Erden übernommen haben, sendet Amaterasu ihren Enkelsohn Ninigi vom Himmel herab, um auch hier nach dem Rechten zu sehen. Die Machtübergabe vollzieht sich nicht ohne Drohungen, aber letztlich ohne Blutvergießen. Aus einer Verbindung eines Nachkommen des Ninigi mit einer Tochter des Drachenkönigs geht schließlich der erste menschliche Herrscher und somit Ahnherr des japanischen Kaiserhauses hervor. Es ist Jimmu, der mythologische erste Tennō von Japan, ein Urenkel Ninigis. In der Folge führen alle japanischen Kaiser ihren Ursprung – und ihre Autorität – auf Amaterasu zurück. Der Hauptschrein dieser Gottheit befindet sich in Ise, etwas abseits der ehemaligen Hauptstadt Kyōto. Amaterasus Emblem, das in diesem Schrein aufbewahrt wird, ist ein Spiegel. Der Schrein selbst wird alle zwanzig Jahre abgerissen und neu aufgebaut.

Die Tatsache, dass die Sonnengottheit in Japan als weibliche Gottheit gilt, ist ein Ausnahmefall in der vergleichenden Mythenforschung. Verschiedene Ursachen werden dafür geltend gemacht. Unter anderem wird spekuliert, dass Amaterasu ursprünglich männlich gedacht wurde. Als die japanischen Götter- und Ursprungsmythen in den Büchern Kojiki (712) und Nihonshoki (720) gesammelt wurden, war Kaiserin Jitō an der Macht. Einige Forscher vermuten, dass Amaterasu deswegen als weibliche Gottheit dargestellt wurde, um den Herrschaftsanspruch der Kaiserin zu unterstreichen. Andere Forscher verweisen auf andere weibliche Sonnengottheiten, u.a. Sunna in der germanischen Mythologie.

(wikipedia)

Gezeigt ist die Sonnengöttin als eine elegante, höfische Dame in der vielschichtigen Kleidung der Heian-Zeit (794-1185), allerdings komplett in weiß, der Farbe der Reinheit. Ihre langen Haare trägt sie offen und sie ist mit einem Diadem gekrönt. An dem mit schmalen Papierstreifen geschmückten Sakaki-Zweig (cleyera ochnacea oder Theacea (japonica)) ist der runde Metallspiegel befestigt, um den sich der Mythos webt.

Akashino no Hisahito shinnô

2011

linen on printes Japanese silk (Kimono-sleeve lining), stitched

66 x 36 cm


Prince Hisahito of Akishino (悠仁親王, Hisahito shinnō, born 6 September 2006), currently third in line to the Japanese throne, is the third child of the Prince and Princess Akishino, and their only son.Prince Hisahito has two older sisters, Princess Mako of Akishino (born 23 October 1991) and Princess Kako of Akishino (born 29 December 1994). He is third in line to become Emperor of Japan.

His personal name Hisahito in this case means „serene and virtuous,“ according to the Imperial Household Agency. An alternative translation is „virtuous, calm, everlasting.“ His name was chosen by his father, and the Imperial crest used to mark his belongings is koyamaki (Japanese Umbrella-pine) tree. (wikipedia)

Due to tradition he is the grand-grand-grand-son of the sun goddess Amaterasu ô-mi-kami.


Christi Nehan-zu

2010

Cotton and other sheer fabrics on old cotton sheet, thread

applicqued and stitched

220 x 140 cm

In Buddhism, parinirvana (Sanskrit: परिनिर्वाण parinirvāṇa; Pali: परिनिब्बाण parinibbāṇa; Chinese: 般涅槃, bō niè pán) is the final nirvana, which occurs upon the death of the body of someone who has attained complete awakening (bodhi). It implies a release from the bhavachakra, Saṃsāra, karma and rebirth as well as the dissolution of the skandhas.

The parinibbana of the Buddha is described in the Mahāparinibbāna sutta. Because of its attention to detail, the Mahaparinibbana Sutta (of the Theravada tradition), though first committed to writing hundreds of years after his death, has been resorted to as the principal source of reference in most standard studies of the Buddha’s life.

The painting depicts the Buddha transitioning to Nirvana. Buddha is seated in a grove of Sala trees and surrounded by mourning animals, gods, demons, and human beings. (wikipedia)

In paintings of the Buddha’s nirvana, his passing from earthly life to the ultimate goal of an enlightened being, essential tenets of Buddhism are explicit: release from the bonds of existence through negation of desires that cause life’s intrinsic suffering (http://www.davidrumsey.com/amica/amico1256351-104032.html)

In the applicqued drawing Buddha is replaced by the dead Christ. The figure stems from an original wooden sculpture in the possession of the City Museum of Neuötting. It is a so called ‚Corpus Christi‘ (Christi Grablege), which means the dead Christ, before his resurrection.

Flagelatione – Geißelung

2008

Japanese paper thread, polyester and cotton on polyester tafeta

painted and sewn, stretched on frame

230 x 70 cm

nach Alonso Cano (1601-1667)

nach Guercino (Giovanni Franceso Barbieri) (1591-1666)

nach Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610)

nach Carlo Crivelli (1430/35-vor 1500)

nach Pietro di Galeotto (vor 1450-1483)

nach Pieter Fransz de Grebber (1600-1652/3)

————————————————————————————————————————————

Eine weitere Serie zum Thema Lendentuch. Hier das Lendentuch Christi bei der Geißelung. Die Bilder der Maler zeigen einen jungen Mann, der von anderen gequält wird. Wenn man die Bilder genauer ansieht, sieht man die Inszenierung. Es ist nicht Christus, wie könnte er es sein, denn niemand weiß, wie Jesus ausgesehen hat. Es ist ein junger Mann, der Model stand.

Bekleidet ist er nur mit einem Tuch, das um die Hüften geschlungen ist. Dieses Tuch verhüllt seine Männlichkeit, gleichzeitig betont es diese auch.

Oft ist Jesus in der Geisselungs-Szene auch gefesselt dargestellt. Kann also der Situation nicht entfliehen. Dies ist für das Opfer eine schrecklich Erfahrung. In unserer Gesellschaft hier im Westen gibt es so viel Freiheit, dass es Menschen gibt, die eine solche Situation sexuell stimulierend empfinden.

Striped suit

2008

Linen suit with stripes from wool fabric, pins, wooden hanger, suitcase

Leinenanzug mit Streifen aus Wollstoff, Stecknadeln, Holzbügel, Pappkoffer

Size 50, measurements variable

Größe 50, Maße variabel

Beneath the stripes a plain linen summer suit for men size 50 is found. The stripes are ripped from a navy blue woolen fabric used for suits, too. They are held in place by pins.

What does happen to the suit? What do we see in suits with stripes? It is not a summer suit any more and the suicase made of cardboard is no longer evoking the idea of a summer vacation. But still the summer suit is there underneath.

Unter den Streifen steckt ein normaler Sommeranzug aus Leinen, Größe 50. Die Streifen bestehen aus einem dunkelblauen Wollstoff, der ebenfalls für Anzüge benutzt wird. Sie sind mit Stecknadeln auf den Anzug gesteckt.

Was passiert mit dem Anzug? Was sehen wir in dem Anzug mit den Streifen? Es ist plötzlich kein Sommeranzug mehr und der Koffer erinnert nicht mehr an einen Urlaub. Und doch steckt der sommerliche Leinenanzug darunter.

loincloth

2008

waxed cotton, Nepalese handspun hemp thread, sewn

ca. 80 x 52 cm

Diese Diashow benötigt JavaScript.

————————————————————————————-

Jenes Tuch, das berühmteste der Kunstgeschichte, wird zumeist
kaum wahrgenommen, bleibt eine Nebensächlichkeit, obwohl es
– oft im Zentrum der Darstellungen – ein beeindruckendes, meist
ornamentales, Eigenleben führt. Seine Enden flattern spielerisch
im Wind, es ist vielfach verschlungen oder eng anliegend, betont
die Oberschenkel und Körperformen oder verleugnet jeglichen
Anschein von Männlichkeit. Erst sein Fehlen – ein nackter Christus
dann – löst Skandale aus, wie vor einiger Zeit in Würzburg.
Von Walter Bruno Brix aus bekannten Gemälden herausgelöst,
werden die Leintücher fern vom Kontext, von Schmerz und Tod,
zu einem ganz eigenständigen Motiv, auf das unser Blick gelenkt
wird. Manchmal verspielt, zuweilen überraschend erotisch, aber
letztlich immer verhüllend – das Tuch, das Männlichkeit verbirgt
und verleugnet, obwohl Christus ganzer Mensch war. Es wird
zum Instrument der Negierung von Körperlichkeit und Sexualität.
Jürgen Wurst

Gemälde folgender Künstler wurden für die Zeichnungen verwendet:
Raffael da Urbino (1483-1520)
Diego Rodríguez de Silva y Velásques (1599-1660)  
Peter Paul Rubens (1577-1640)
Thomas Cowperthwait Eakins (1844-1916)
Rogier van der Weyden (1399/1400-1464)
Matthias Gothart-Nithart Grünewald (1475/1480-1528)
Fransisco de Zurbarán (1598-1664)
Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606-1669)
Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simoni (1475-1564)
Hieronymus Bosch (1450-1516)
Antonella da Messina (1430-1479)
Sir Anthonis van Dyck (1599-1641)

Die sieben Todsünden als Quitsche-Entchen

2006

jeweils ca. 20 x 20 cm

Baumwolle und artifizielles Fensterleder, genäht

In Japan gibt es in der Kunst den Begriff ‚mitate‘, damit ist gemeint, dass man etwas darstellt, aber es ist als Vertreter, bzw. als Parodie auf etwas anderes gemeint. So kommen auch in der westlichen Kunst leicht gekleidete Damen manchmal im Bildtitel als die Venus daher. Aber in Japan hat man es auf die Spitze getrieben und so werden beispielsweise die sieben Glücksgötter als Schauspieler gezeigt, welche berühmte Kurtisanen darstellen – sozusagen ein doppeltes mitate. Nur anhand der Attribute ist für die Gebildeten zu erkennen, um wen es sich in Wirklichkeit handeln soll.

So wie hier die sieben Todsüden eben als Quitsche-Entchen dargestellt sind. Es ist dem Betrachter anheim gestellt, sich über die sieben Todsünden klar zu werden. Welche sind das schnell nochmal:

  • Superbia: Hochmut (Übermut, Eitelkeit, Stolz)
  • Avaritia: Geiz (Habgier, Habsucht)
  • Luxuria: Wollust (Genusssucht, Ausschweifung)
  • Ira: Zorn (Wut, Vergeltung, Rachsucht)
  • Gula: Völlerei (Gefräßigkeit, Unmäßigkeit, Maßlosigkeit, Selbstsucht)
  • Invidia: Neid (Missgunst, Eifersucht)
  • Acedia: Trägheit des Herzens/des Geistes (Faulheit, Feigheit, Ignoranz)

Und sind diese Todsünden dann jeweils einem der Entchen zuzuordnen? Aufgrund des Gesichtsausdrucks und der Körperform?

thai buddhist

2007

Cotton shirt, embroidered with polyester thread

size M

The shirts embroidered with pictures of Buddhist Monks from Thailand are stitched through all layers, so they can not be worn.

Vor Gott sind alle gleich

2007

Installation

graue Kleidung mit applizierten religiösen Abzeichen aus schwarzem Filz

Die religiösen Symbole aus schwarzem Filz sind auf graue Kleidung appliziert. Wie Abzeichen, auf die linke Seite, in Herzhöhe. Die Auswahl der Kleidung ist ohne direkten Bezug zur Religion. Die Bedeutung der einzelnen Symbole wird sichtbar, wenn man den curser auf das jeweilige Fotos führt.

Alle Religionen sind darauf angewiesen, dass ihre Anhänger glauben. An ein oder an mehrere höhere Wesen, an einen alles steuernden Plan. Sie versprechen uns etwas, das sich erst nach unserem Tod erfüllt. Etwas, das uns die Angst vor dem Tod, vor dem Auslöschen unseres Selbst nehmen soll.

Sind nicht alle Religionen Tröster unserer Angst vor dem Tod? Um ein Leben führen zu können, in dem wir uns von unseren Ängsten nicht unterkriegen zu lassen. Wie kann es sein, dass die Menschen an so viele verschiedene Götter und Regeln glauben und sich gegenseitig bekriegen und umbringen, nur um der Überzeugung willen? Stecken nicht überall die gleichen Menschen in den Kleidern und hinter den Abzeichen der Religionen? Und steckt nicht überall die gleiche Angst hinter den Religionen?

Mudra

2006

thread drawing on cotton satin, backed with orange cotton

each 30 x 30 cm

Die Sprache der Gesten (sanskrit: Mudra) ist bei Buddhafiguren ein Teil der Information, welche die Figur identifizieren. Es gibt die Geste der Lehre, der Anrufung der Erde, des Mitleids oder des Segnens. Auch wir kennen Gesten dieser Art in unserer Religion. Aber auch im Alltag gibt es Gesten, man kann jemanden herbeiwinken, Abwehr zeigen oder einen Vorgang, bzw. eine Tätigkeit gestisch darstellen.

In der Serie von Bildern sind Mudra und Gesten aus dem Alltag gleichwertig gegenüber gestellt. Gesten sind Bestandteil unseres Alltags und sind Teil von heiligen Handlungen.